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Da
leben Menschen jahrelang Seite an Seite, in einem Haus, sogar in einer
Familie. Aber sie leben nebeneinander her. Eigentlich kennen sie sich
kaum, wissen nur wenig übereinander. Es gibt auch das Gegenteil: Man ist
aneinander gebunden, aufeinander verwiesen, auch wenn das Verhältnis
gespannt ist und Abstand gut täte. Jedenfalls weiß man über den anderen
genau Bescheid. Urteile werden gefällt, fremde Freiheit wird beeinflußt.
Die Josefserzählung des Buches Genesis berichtet von zwölf Söhnen eines
Vaters. Sie sind die Stammväter des Volkes Israel. Einen langen Weg haben
sie zu gehen, bis sie einander als Brüder finden. Dabei kommt Josef, dem
erklärten Liebling des Vaters, die tragende Rolle zu. Er ist die
Lichtgestalt in einer Geschichte voller Argwohn, Lüge, Neid und Verrat.
Von seinem Vater zu den älteren Brüdern geschickt, die das Vieh hüten,
spricht er einen Satz, der als Programm über seinem Leben stehen könnte:
"Meine Brüder suche ich." Tatsächlich
kommt er bei ihnen an - aber er findet sie nicht als Brüder. Sie haben
sich gegen ihn verschworen, als sie ihn kommen sahen. Statt ihn in ihrer
Mitte aufzunehmen, Nahrung und schützende Gemeinschaft zu geben, wollen
sie ihn umbringen. Sie wollen ihn endlich los werden, weil er den Vater
immer wieder gegen sie auf seine Seite zu ziehen weiß. Vor dem Mord
schrecken sie dann doch zurück, aber der Rivale muß weg - weit fort,
nach Ägypten, in die Sklaverei. Die Suche Josefs ist ganz und gar
gescheitert.
Hier greift Gott ein. Er läßt den Verstoßenen im fremden Land zu höchsten
Ehren kommen und durch ihn große Vorräte für schlechte Zeiten anlegen.
- Jetzt begegnen sich die Brüder wieder. Sie suchen in Ägypten nicht
nach Josef, sondern nach Brot, denn Hunger liegt auf den Völkern ringsum.
Sie werden von ihrem Vater ausgesandt, damit sie Getreide zum Überleben
beschaffen.
Das Blatt hat sich völlig gewendet, die Rollen sind vertauscht. Mit fast
atemberaubender Spannung erleben wir mit, wie Josef, der Mächtige, die Söhne
seines Vaters erkennt. Sie sind in seiner Hand. Wird er sich nun an ihnen
rächen? Er widersteht der Versuchung zur Vergeltung. Statt dessen führt
er die Männer einen Weg, auf dem sie selbst erkennen können, was sie ihm
angetan haben - aber noch mehr, was Gott aus ihren Plänen gemacht hat:
"Um Leben zu erhalten, hat Gott mich vor euch hergeschickt."
(Gen 45,5)
Josef hatte die Brüder gesucht und wurde von ihnen verraten und verkauft.
In den Fremden, die um Brot zu ihm kommen, nimmt er sie an, und findet sie
als seine Brüder.
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