das jahr der bibel "Suchen. Und finden." Eingang
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Literaturhinweis
"Meine Brüder suche ich "
(Gen 37,16)

Rembrandt, "Josef gibt sich seinen Brüdern zu erkennen", um 1650

 

Da leben Menschen jahrelang Seite an Seite, in einem Haus, sogar in einer Familie. Aber sie leben nebeneinander her. Eigentlich kennen sie sich kaum, wissen nur wenig übereinander. Es gibt auch das Gegenteil: Man ist aneinander gebunden, aufeinander verwiesen, auch wenn das Verhältnis gespannt ist und Abstand gut täte. Jedenfalls weiß man über den anderen genau Bescheid. Urteile werden gefällt, fremde Freiheit wird beeinflußt.
Die Josefserzählung des Buches Genesis berichtet von zwölf Söhnen eines Vaters. Sie sind die Stammväter des Volkes Israel. Einen langen Weg haben sie zu gehen, bis sie einander als Brüder finden. Dabei kommt Josef, dem erklärten Liebling des Vaters, die tragende Rolle zu. Er ist die Lichtgestalt in einer Geschichte voller Argwohn, Lüge, Neid und Verrat.
Von seinem Vater zu den älteren Brüdern geschickt, die das Vieh hüten, spricht er einen Satz, der als Programm über seinem Leben stehen könnte: "Meine Brüder suche ich."  Tatsächlich kommt er bei ihnen an - aber er findet sie nicht als Brüder. Sie haben sich gegen ihn verschworen, als sie ihn kommen sahen. Statt ihn in ihrer Mitte aufzunehmen, Nahrung und schützende Gemeinschaft zu geben, wollen sie ihn umbringen. Sie wollen ihn endlich los werden, weil er den Vater immer wieder gegen sie auf seine Seite zu ziehen weiß. Vor dem Mord schrecken sie dann doch zurück, aber der Rivale muß weg - weit fort, nach Ägypten, in die Sklaverei. Die Suche Josefs ist ganz und gar gescheitert.
Hier greift Gott ein. Er läßt den Verstoßenen im fremden Land zu höchsten Ehren kommen und durch ihn große Vorräte für schlechte Zeiten anlegen. - Jetzt begegnen sich die Brüder wieder. Sie suchen in Ägypten nicht nach Josef, sondern nach Brot, denn Hunger liegt auf den Völkern ringsum. Sie werden von ihrem Vater ausgesandt, damit sie Getreide zum Überleben beschaffen.
Das Blatt hat sich völlig gewendet, die Rollen sind vertauscht. Mit fast atemberaubender Spannung erleben wir mit, wie Josef, der Mächtige, die Söhne seines Vaters erkennt. Sie sind in seiner Hand. Wird er sich nun an ihnen rächen? Er widersteht der Versuchung zur Vergeltung. Statt dessen führt er die Männer einen Weg, auf dem sie selbst erkennen können, was sie ihm angetan haben - aber noch mehr, was Gott aus ihren Plänen gemacht hat: "Um Leben zu erhalten, hat Gott mich vor euch hergeschickt." (Gen 45,5)
Josef hatte die Brüder gesucht und wurde von ihnen verraten und verkauft. In den Fremden, die um Brot zu ihm kommen, nimmt er sie an, und findet sie als seine Brüder.