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Diese
Frage Gottes steht da, wo die Bibel zum zweiten Mal von der Schuld des
Menschen berichtet (Gen 4,9).
Es wird vom ersten Brüderpaar erzählt: Kain und Abel. Sie leben
miteinander, haben mehr oder weniger Erfolg, sind natürliche Rivalen. Wir
erfahren, daß der ältere den erfolgreicheren jüngeren Bruder erschlägt,
um von dieser kränkenden und bedrohlichen Realität frei zu werden.
Gott geht dem Schuldiggewordenen nach und fragt ihn nach seinem Bruder.
Der spürt, daß er seine Tat nicht einfach zugeben kann; er macht alles
noch schlimmer durch Lügen und Vertuschen. Angeblich weiß er nicht, wo
Abel ist, und dann fragt er: Bin ich der Hüter meines Bruders?
Unausgesprochen steht dahinter Gottes Antwort: Ja, du bist Hüter deines
Bruders, du hast Verantwortung für ihn.
Die Bibel macht uns schrittweise deutlich, daß jeder Mensch unser Bruder,
unsere Schwester ist und daß wir die diese Verantwortung nicht abschütteln
können.
Im Lauf der alttestamentlichen Geschichte
haben die Propheten Auftrag, die Menschen vor Neid, Habgier,
Unterdrückung und Ausbeutung zu warnen: die Bedrückten
sollen freigelassen, jedes Joch soll zerbrochen, das Brot mit den
Hungrigen geteilt, die Nackten sollen bekleidet und kein anderer Mensch
(„dein Fleisch“, sagt die Bibel) soll gering geachtet werden (Jes
58,7).
Gott
sucht durch die Jahrtausende hin den Menschen durch seine Boten, vor allem
durch seinen geliebten Sohn, um so den Menschen eine endgültige Chance
zur Rückkehr in den Bereich der belebenden
und beseligenden Liebe Gottes zu schenken. Ob es schwierig ist, Gott
inmitten der vielfältigen Angebote und Aufgaben des Lebens zu finden?
Die Bibel sagt uns, daß es nicht kompliziert wissenschaftlich schwierig
ist. Lazarus liegt vor unserer Tür (Luk 16,20); der von Räubern
niedergeschlagene Mensch liegt unübersehbar am Weg (Luk 10,31f); und
offensichtlich tun viele Menschen ohne viel Aufhebens und Reflektionen
das, was gerade nötig ist (Mt 25,34-40): Sie helfen dem, der gerade ihre
Hilfe braucht und finden so Gott, auch wenn es ihnen nicht
ausdücklich bewußt ist. In Jesus ist Gott uns so nachgegangen wie der
Hirt einem verirrten Schaf (Luk 15,3-6). Als wir hilflos am Boden lagen,
hat er uns so aufgehoben und geheilt wie der barmherzige Samariter (Luk
10,33ff). Gott rührt uns mit seiner Liebe an und möchte, daß wir von
ihr ergriffen werden, damit seine Liebe in uns lebendig sei.
Dann werden wir nicht mehr fragen, ob wir Hüter unseres Bruders, unserer
Schwester sind, dann werden wir auch nicht mehr fragen, wer denn unser
Nächster sei (Luk 10,29), sondern wir werden vom Geist Christi,
der die Liebe selbst ist (Röm 5,5), erleuchtet sein. Und daraus erwachsen
die Früchte des Geistes, die Paulus im Galaterbrief (5,22,) aufzählt:
Liebe, Freude, Friede, Geduld, Güte, Treue...“
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