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Literaturhinweis
"Bin ich der Hüter meines Bruders? "
(Gen 4,9)

"Kain und Abel", Evangelisch-Reformierte Kirche St. Theodul, Davos, Schweiz, 13. - Ende 15. Jh. (?)

Diese Frage Gottes steht da, wo die Bibel zum zweiten Mal von der Schuld des Menschen berichtet (Gen 4,9).
Es wird vom ersten Brüderpaar erzählt: Kain und Abel. Sie leben miteinander, haben mehr oder weniger Erfolg, sind natürliche Rivalen. Wir erfahren, daß der ältere den erfolgreicheren jüngeren Bruder erschlägt, um von dieser kränkenden und bedrohlichen Realität frei zu werden.
Gott geht dem Schuldiggewordenen nach und fragt ihn nach seinem Bruder. Der spürt, daß er seine Tat nicht einfach zugeben kann; er macht alles noch schlimmer durch Lügen und Vertuschen. Angeblich weiß er nicht, wo Abel ist, und dann fragt er: Bin ich der Hüter meines Bruders? Unausgesprochen steht dahinter Gottes Antwort: Ja, du bist Hüter deines Bruders, du hast Verantwortung für ihn.
Die Bibel macht uns schrittweise deutlich, daß jeder Mensch unser Bruder, unsere Schwester ist und daß wir die diese Verantwortung nicht abschütteln können.
Im Lauf der alttestamentlichen Geschichte  haben die Propheten Auftrag, die Menschen vor Neid, Habgier, Unterdrückung und Ausbeutung zu warnen: die Bedrückten  sollen freigelassen, jedes Joch soll zerbrochen, das Brot mit den Hungrigen geteilt, die Nackten sollen bekleidet und kein anderer Mensch („dein Fleisch“, sagt die Bibel) soll gering geachtet werden (Jes 58,7).

Gott sucht durch die Jahrtausende hin den Menschen durch seine Boten, vor allem durch seinen geliebten Sohn, um so den Menschen eine endgültige Chance zur Rückkehr in den Bereich der  belebenden und beseligenden Liebe Gottes zu schenken. Ob es schwierig ist, Gott inmitten der vielfältigen Angebote und Aufgaben des Lebens zu finden?
Die Bibel sagt uns, daß es nicht kompliziert wissenschaftlich schwierig ist. Lazarus liegt vor unserer Tür (Luk 16,20); der von Räubern niedergeschlagene Mensch liegt unübersehbar am Weg (Luk 10,31f); und offensichtlich tun viele Menschen ohne viel Aufhebens und Reflektionen das, was gerade nötig ist (Mt 25,34-40): Sie helfen dem, der gerade ihre Hilfe braucht und finden so Gott, auch wenn es ihnen  nicht ausdücklich bewußt ist. In Jesus ist Gott uns so nachgegangen wie der Hirt einem verirrten Schaf (Luk 15,3-6). Als wir hilflos am Boden lagen, hat er uns so aufgehoben und geheilt wie der barmherzige Samariter (Luk 10,33ff). Gott rührt uns mit seiner Liebe an und möchte, daß wir von ihr ergriffen werden, damit seine Liebe in uns lebendig sei.

Dann werden wir nicht mehr fragen, ob wir Hüter unseres Bruders, unserer Schwester sind, dann werden wir auch nicht mehr fragen, wer denn unser  Nächster sei (Luk 10,29), sondern wir werden vom Geist Christi, der die Liebe selbst ist (Röm 5,5), erleuchtet sein. Und daraus erwachsen die Früchte des Geistes, die Paulus im Galaterbrief (5,22,) aufzählt: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Güte, Treue...“