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Liebe
Leserin, lieber Leser, Sie wollten einen Text aus der Bibel – und nun
das? Da kann ich Sie beruhigen. Wir sind wirklich am Bibeltext. Er ist über
2000 Jahre alt. Er besingt die Liebe von zwei Menschen: „Mein Herz
klopft laut und wild. Er ist so nah! Ich springe auf und will dem Liebsten
öffnen ... Schnell öffne ich die Tür für meinen Freund; doch er ist
fort, ich kann ihn nicht mehr sehen.“ Dieses Liebesspiel, das beständige
Suchen und Finden, ist das Thema im Hohenlied.
Aber was hat das mit Gott zu tun? Die Bibel ist doch Gotteswort!
Schon im Judentum der vorchristlichen Zeit wurde dieses Liebeslied auf die
Liebe zwischen Gott (er ist der Bräutigam) und dem Volk Israel (es ist
die Braut) bezogen.
Für die Christen wurde daraus ein Gespräch zwischen Christus und der
Kirche, oder auch ein Gespräch zwischen Christus und der Seele des
einzelnen Menschen.
So haben es die Mystiker gesehen: Christus wird als anwesend erfahren in
beglückender Nähe, und dann entzieht er sich, wird nicht mehr
wahrgenommen. Dunkelheit breitet sich aus. Vielleicht jahrelang.
Zur Liebe gehört immer die Trennung. Die Liebenden können nicht ständig
zusammen sein. Denken Sie an die Volkslieder: Sie singen von Liebe – und
von Abschied. Dieses Wechselspiel von Glück und Leid führt zu größerer
Liebe – aber eben auch zu größerem Leid.
Suchen und Finden gibt es auch in der Beziehung zu Gott. Bischof
Augustinus von Hippo schreibt im 4. Jh.: „Ich würde dich (Gott) nicht
suchen, wenn ich dich nicht schon gefunden hätte.“
Den Part
Gottes im Spiel von Suchen und Finden beschreibt eine von den Erzählungen
der Chassidim, die Martin Buber aufgeschrieben hat:
Rabbi Baruchs Enkel, der Knabe Jechiel, spielte einst mit einem anderen
Knaben Verstecken. Als er lange gewartet hatte, kam er aus dem Versteck;
aber der andere war nirgends zu sehen. Nun merkte Jechiel, daß jener ihn
von Anfang an nicht gesucht hatte. Darüber mußte er weinen, kam weinend
in die Stube seines Gorßvaters gelaufen und beklagte sich über den bösen
Spielgenossen. Da flossen Rabbi Baruch die Augen über, und er sagte: So
spricht auch Gott: Ich verberge mich, aber keiner will mich suchen.
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