das jahr der bibel "Suchen. Und finden." Eingang
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Literaturhinweis
„Ich suche meinen Liebsten
(Hld 3,1)  
Marc Chagall, Liebespaar mit dem Halbmond, um 1926/27



„Ich suche meinen Liebsten – Habt ihr ihn nicht gesehen?“
„Mach auf, mein Schatz, mach auf, ich will zu dir.“
„Mein Liebster ist mein, und ich bin sein.“

(Text nach der Übersetzung der „Guten Nachricht“:
Hld 3,1; 5,2; 2,16; 5,4; 5,6; 8,6)


Liebe Leserin, lieber Leser, Sie wollten einen Text aus der Bibel – und nun das? Da kann ich Sie beruhigen. Wir sind wirklich am Bibeltext. Er ist über 2000 Jahre alt. Er besingt die Liebe von zwei Menschen: „Mein Herz klopft laut und wild. Er ist so nah! Ich springe auf und will dem Liebsten öffnen ... Schnell öffne ich die Tür für meinen Freund; doch er ist fort, ich kann ihn nicht mehr sehen.“ Dieses Liebesspiel, das beständige Suchen und Finden, ist das Thema im Hohenlied.
Aber was hat das mit Gott zu tun? Die Bibel ist doch Gotteswort!
Schon im Judentum der vorchristlichen Zeit wurde dieses Liebeslied auf die Liebe zwischen Gott (er ist der Bräutigam) und dem Volk Israel (es ist die Braut) bezogen.
Für die Christen wurde daraus ein Gespräch zwischen Christus und der Kirche, oder auch ein Gespräch zwischen Christus und der Seele des einzelnen Menschen.
So haben es die Mystiker gesehen: Christus wird als anwesend erfahren in beglückender Nähe, und dann entzieht er sich, wird nicht mehr wahrgenommen. Dunkelheit breitet sich aus. Vielleicht jahrelang.
Zur Liebe gehört immer die Trennung. Die Liebenden können nicht ständig zusammen sein. Denken Sie an die Volkslieder: Sie singen von Liebe – und von Abschied. Dieses Wechselspiel von Glück und Leid führt zu größerer Liebe – aber eben auch zu größerem Leid.
Suchen und Finden gibt es auch in der Beziehung zu Gott. Bischof Augustinus von Hippo schreibt im 4. Jh.: „Ich würde dich (Gott) nicht suchen, wenn ich dich nicht schon gefunden hätte.“

Den Part Gottes im Spiel von Suchen und Finden beschreibt eine von den Erzählungen der Chassidim, die Martin Buber aufgeschrieben hat:
Rabbi Baruchs Enkel, der Knabe Jechiel, spielte einst mit einem anderen Knaben Verstecken. Als er lange gewartet hatte, kam er aus dem Versteck; aber der andere war nirgends zu sehen. Nun merkte Jechiel, daß jener ihn von Anfang an nicht gesucht hatte. Darüber mußte er weinen, kam weinend in die Stube seines Gorßvaters gelaufen und beklagte sich über den bösen Spielgenossen. Da flossen Rabbi Baruch die Augen über, und er sagte: So spricht auch Gott: Ich verberge mich, aber keiner will mich suchen.